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Ausstellung the holy book of pink von Sigurd Roscher 2017 im Kunstraum Sigismund Kapelle in Regensburg

the holy book of pink

Ausstellung im Kunstraum Sigismund Kapelle

Malerei, Installation, Performance von Sigurd Roscher im Rahmen des Jahresthemas „Müßiggang“ in der Sigismund Kapelle im Thin-Dittmer-Palais am Haidplatz Regensburg 2017

Eröffnung: 7. Nov. 2017, 19:30 Uhr
Ausstellungsdauer: 8. Nov. bis 2. Dez. 2017
Mi – Fr: 17 – 19 Uhr
Sa: 11 – 16 Uhr

Technik: Mischtechnik auf gemischten Malgründen
Repros: Florian Hammerich

Links:
MZ Zeitungsartikel
Programm des Kunstraum

Ausstellung the holy book of pink von Sigurd Roscher 2017 im Kunstraum Sigismund Kapelle in Regensburg
Ausstellung the holy book of pink von Sigurd Roscher 2017 im Kunstraum Sigismund Kapelle in Regensburg
Ausstellung the holy book of pink von Sigurd Roscher 2017 im Kunstraum Sigismund Kapelle in Regensburg
Ausstellung the holy book of pink von Sigurd Roscher 2017 im Kunstraum Sigismund Kapelle in Regensburg

Meine Gedanken zum Thema

Eine Pause machen. Faulenzen. Langeweile. Was ist Müßiggang? Für mich ist es ein Zustand von dem ich glaube, dass er mir gut tut. In dem ich mich erhole und neue Energie und Kreativität schöpfe. Ich betrüge mich aber selbst, wenn ich mir das einrede. Einmal auf der Couch der Faulenzerei verfallen, rutsche ich immer tiefer in die Leere. Anstatt nach kurzer Zeit aufzustehen und energiegeladen etwas anzufangen, gebe ich mich dem Nichtstun hin und merke wie dieses Loch langsam an mir knabbert, anstatt mich wie der Schlaf zu verschlingen. Der Treibsand der Trägheit fesselt mich und hält mich am Polster des Sofas fest. Nicht einmal Prokrastination entsteht aus dem Müßiggang, da dies ein Mindestmaß an Aktionismus erfordert, den die Faulheit gänzlich unterbindet.

Das Einzige was gut zum liegenden Nichtstun passt ist das Handy zu schnappen und sich in den Untiefen von Instagram zu verlieren. Am Anfang werden die neuen Werke der gefolgten Künstler, Galerien und Museen begutachtet und bewertet. Wenn noch ein Fünkchen Tatendrang vorhanden ist, gibt es mal ein Herz oder einen Kommentar. Meist ist es aber nur ein scheinbar endloses Scrollen bis zu dem Ausstiegspunkt des letzten Besuchs.

Nachdem also die als wertvoll eingestuften Inhalte abgegrast sind, kommt der Wechsel zur Lupe. Dem Moloch an willkürlich vorgeschlagenen Inhalten, anscheinend basierend auf meinen Interessen. Bei diesen Inhalten ist der Drang zu interagieren völlig erlöschen. Ein Kleinkind, das nackt auf den Schultern des Vaters am Strand flaniert und leider seinen Darminhalt über den Rücken entleert hat, entlockt mir noch ein Mundwinkelzucken, die haareraufende Mädchenschlägerei auf einer amerikanischen High School Toilette lässt mich hoffen, dass meine Mädchen so nie werden, die Dashcam-Videos aus dem aberwitzigen russischen Verkehrsalltag bestätigen mir, dass bei uns jeder richtig, richtig gut Autofahren kann, ab und an rutscht ein unbekannter Künstler dazwischen, betrunkene Bikinimädels am Springbreak fallen ordentlich auf die Schnauze beim Versuch irgendein tolles akrobatisches Kunststück zu machen, japanische Messermanufakturen zeigen tolle Handwerkskunst, die ich mir nicht leisten will, narzisstische Fitnesswahnsinnige, teils operierte Körperfetischisten zeigen ihre täglichen Körperverformungserfolge beim Selfie im Spiegel des Fitnessstudios. Alles Inhalte, die nicht von den Autoren selbst, sondern von anderen Couchliegern zusammengesammelt und mit dämlichen Beschreibungen oder Aufforderungen zum Folgen oder Kommentieren mit Emojies versehen sind und als eigene Inhalte veröffentlicht werden.

Eine andere Art des Müßiggangs ist die Hingabe des Rausches. Bei mir gibt es zwei Arten. Die erste sozialere Art ist das Treffen mit Freunden und gemeinsame Trinken, der gemeinsame Rausch, das Öffnen, der Spaß bis hin zum gemeinsamen Absturz, mal leichter, mal härter. Diese Art von berauschtem Müßiggang gibt mir, zusätzlich zu einem ordentlichen Kater, welcher nach einigen Tagen einer Neugeburt gleichkommt, positive Energie durch die Gemeinsamkeit. Die zweite Möglichkeit ist das Feierabendbier. Eine Ausrede zur Betäubung, eine Flucht aus dem Alltag. Die erste Variante des gemeinsamen gepflegten Rausches kommt dem Stöbern der selbstkuratierten Instagram-Inhalte gleich. Die zweite einsame Variante ist eher ein Versumpfen und Abdriften in die endlose Dümpelei. Zumindest beim Rausch habe ich diese Variante des Müßiggangs seit langem abgelegt, da sie mir nicht gut tut. Jetzt gibt es das sofaliegende Instagram-Lupen-Siechtum zu bekämpfen.

Wenn ich dann also endlich den Sumpf des Instagram-Müßiggangs verlassen habe und danach geräderter bin als vorher, muss ich mir meine Motivation und Tatendrang erst wieder erarbeiten. Meine Bilder entstehen aus Arbeit. Der Beschäftigung mit der Sache. Eine grobe Idee, eine Farbwahl sind der Ausgangspunkt. Der Rest ist ein Werkeln. Immer wieder dran gehen, Möglichkeiten finden, beobachten und verändern bis ich am Ende keinen Bedarf mehr sehe weiter zu machen. Erst dann ist das Bild fertig.

Die gewünschte Befriedigung bringt nur das Schaffen.

Für diese Ausstellung habe ich mir bewusst Teile als Inspiration aus meinem Müßiggang gezogen. Instagram liefert operierte Nasen und aufgespritzte Lippen zu überschminkten weiblichen Augen, manchmal als Muster, manchmal zusammengesetzt zu einer frankensteinhaften Figur. Der Rausch als Konsumkultur, verpackt in einer altbewährten Institution, mit Ritualen, gerahmt durch wiederkehrende, einfache Abfolgen, die man auch als Anfänger oder Betäubter schnell erfassen und daran teilhaben kann. Zusammengefasst in einem Regelwerk, dem „holy book of pink“. Ein Manifest des Schaffens, das den Zweck hat, den Müßiggängern die Bürde des Denkens, Probierens und Arbeitens abzunehmen und sich guten Gewissens dem Konsumieren des bereits Geschaffenen hinzugeben.

In der Ausstellung „the holy book of pink“ führe ich die Arbeiten zu meiner Kapelle des Müßiggangs zusammen. Die bedrohliche Falle des unendlichen Konsums der Schönheit in Verbindung mit dem Altar des Rauschs, verpackt mit einem bekannten Rahmen zu einer Show.

Impressionen der Vernissage von Wolfgang Ruhl

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