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Früher 16er - heute 300+ Worte - Schreiben - Gedanken von Sigurd Roscher

Wer hätte gedacht, dass ich mal schreibe?

Vor kurzem hatte ich 30jähriges Grundschulklassentreffen. Dabei musste ich mich zurück erinnern, dass ich im ersten Diktat, in der dritten Klasse glaube ich war das, 27 Fehler hatte. Danach gab’s den gleichen Text nochmal als angekündigte Abschrift. Meine Mutter, Lehrerin, mehr sag ich nicht, hat den Text mit mir so oft geübt, dass ich in der besagten Abschrift dann null Fehler hatte. Ich glaube da ist mein erstes Trauma entstanden, was Schreiben angeht.

In der fünften Klasse ging der ganze Mist dann genau so weiter. Nach dem Übertritt aufs Gymnasium habe ich mir glatt eine 5 in Deutsch eingefangen. In einem anderen Fach stand ich auch Kippe und wäre dann gleich am Anfang mal sauber durchgerauscht. Was eigentlich gar nicht schlimm gewesen wäre, da meine Eltern mich mit fünf eingeschult haben, damit die Grundschule zwei kleine erste Klassen machen konnten. Aber das ist ne ganz andere Baustelle.

Als Jugendlicher bin ich dann auf das HipHop-Ding gekommen. Ich hab mich ein bisschen im Breakdance versucht. Das war nix. Nur blaue Flecken und sonstige Verzerrungen. Graffiti war meins. Viel gemalt, ausprobiert, gezeichnet. Den Spaß am Selbstlernen und Ausprobieren gefunden. Man bedenke das war Anfang / Mitte der 1990er. Also kein Internet und nur wenige teure analoge Medien.

Im Schulbus habe ich natürlich, Angeber wie ich war, gezeichnet. Alles für den Fame. Schriftzüge und Figuren. Ein Junge aus meinem Dorf, der mit dem selben Bus fuhr, aber auf eine andere Schule ging, hat mich gesehen und darauf angesprochen. Unschwer am Kleidungsstil zu erkennen war auch er in der HipHop-Kultur angesiedelt. Er mache Beats an seinem PC und schreibe Raptexte. Ich durfte mir das „Programm“ mit dem er Musik gemacht hatte mal anschauen und natürlich auch seine Texte dazu hören. Ein Battle-Text gegen einen Typen, den er blöd fand, fand ich gut. Ich kannte den Jungen nicht, habe aber gleich verbal mit rein gedroschen. Wie sich’s beim Rappen eben so gehört. Battle, crew war, yeah, bäm.

Ich habe dann zu allen möglichen Themen Reime geschrieben. War natürlich ziemlich mickrig, so mit 13, 14 Jahren. Wortschatz beschränkt, Ideen kleingeistig, aber hat funktioniert und war sehr lustig. Ging dann soweit, dass wir mit einem DJ zusammen eine Underground Band hatten. Bei Jams im bayerischen Raum spielten wir als Vor-Band vor damals großen deutsch Rappern, wie Sammy Deluxe, Thomas D, Deichkind (als sie noch Rap gemacht haben), Blumentopf, Curse usw. in Jugendzentren aber auch in Hallen wie der Donauarena in Regensburg. Hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir zogen das durch, bis wir fertig studiert oder die Ausbildung abgeschlossen hatten. Wir entschlossen uns nicht mehr weiter zu machen, da es zu viel Zeit gefressen hat und der Erfolg nicht greifbar nahe war.

Warum erzähle ich das? Damals habe ich geschrieben, es aber nicht als Schreiben empfunden. Es war meine Geschichte, meine Sprache, meine Art zu erzählen. Natürlich in den Regeln und Kontext des Rap. Aber ich habe freiwillig geschrieben. Was ja überhaupt nicht zu meiner Aversion des Deutschunterrichts oder der Schule an sich passt. Das habe ich ja gehasst wie die Pest. Aufsätze, Erörterungen, Analysen. Gedanken zu Themen formulieren, die nicht meine Welt und schon gar nicht in meinem Horizont lagen.

Wieso jetzt auf einmal Schreiben?

Im Moment bin ich als von zuhause aus arbeitender Teilzeit-Hausmann bei meiner Frau „angestellt“. Nach ihrer Elternzeit haben wir beschlossen, dass sie sich jetzt beruflich verwirklichen soll. Das bedeutet für mich, dass ich wenig Ansprache habe und Schreiben mir die Möglichkeit gibt, mich mit einer fiktiven Hörerschaft zumindest einseitig zu unterhalten. Ist ein bisschen wie ein Battle-Rap-Text gegen einen imaginären Feind. Irgendjemand fühlt sich schon angesprochen.

Was das Ganze erleichtert, ist die neue Technik. Ich schreibe ja nicht mal. Jetzt gerade diktiere ich meine Gedanken über mein Smartphone in eine App. Ich finde die Diktatfunktion am Händy viel besser, als an meinem Laptop und kann beim Denken auch noch durchs Zimmer wandeln. Auch mit Kleinkind auf dem Arm. Manchmal schläft es dabei ein. Muss sehr spannend sein was ich zu erzählen habe. Der Text synchronisiert sofort mit der zweiten Installation auf meinem Rechner. Dort finde ich wiederum die Nachbearbeitung mit Tastatur angenehmer. Mobil mache ich Ergänzungen. Am Laptop arrangier ich um. Ein bisschen wie bei meiner Malerei. In der ersten Phase klatsche ich eine grobe Stimmung aufs Blatt und arbeite sie Stück für Stück feiner aus.

Da ich zur Zeit wenig zum Malen komme, ist die Schreiberei genau das richtige für mich. Ich kann mit vielen kleinen Zeitfenstern einen Gedanken ausarbeiten und zur Schau stellen.

Wat n dat?
16er = 16 Takte. Für ein Lied braucht man meist zwei 16er + Refrain
300+ = google zu liebe mindestens 300 Worte pro Artikel

Fotos mit dem Händy ohne Filter von mir an einem Faschingssonntag.

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