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Ich der Prozessoptimierer - Gedanken von Sigurd Roscher

Alltagsrituale – Fluch oder Segen?

Vor einigen Jahren habe ich bei der Pecha Kucha Night Regensburg im Open-Air Kino Cinema Paradiso am Grieser Steg einen Vortrag gehalten. Titel des Vortrages: Ich bin Prozessoptimierer. Dabei ging es um die Verbesserung unseres privaten Lebensmitteleinkaufs, als wir noch in Köln gewohnt haben. Optimierungen waren: Rückenschmerzen vermeiden, Fahr- und Einkaufszeiten verkürzen, sowie die Handgriffe so weit wie möglich zu minimieren. Dieser Prozess ist keine Fiktion, sondern ist wirklich über einen längeren Zeitraum so gewachsen. Den Vortrag gibts weiter unten als Video zu sehen.

Heute morgen musste ich Wäsche abnehmen, die getrocknet auf dem Wäscheständer hing. Die Wäsche trocknet bei uns im Keller in einem Trockenraum und muss dann in einem Wäschekorb nach oben geschleppt und eingeräumt werden. Ich habe mich ertappt, dass ich schon wieder den Prozess optimiere. Und zwar habe ich die Kleidungsstücke, die chaotisch am Kleiderständer getrocknet sind, schon nach Personen und Kleidungstypen, wie Strumpfhosen, Bodies, Pullis, usw. zusammen in Häufchen in den Wäschekorb gelegt, um eben zu vermeiden, dass ich oben jedes Teil noch mal in die Hand nehmen muss um zu schauen, wo es hin kommt. Ich will jeden Typ nur einmal nehmen und jede Schublade nur einmal bedienen, um Laufwege und Handgriffe zu minimieren. Ich musste dezent schmunzeln, als mir das bewusst geworden ist.

Den Haushältern wird es bestimmt schon aufgefallen sein: Ja, ich bügle nicht.

Was mache ich denn noch für unbewusste Prozessoptimierer-Geschichten? Mir ist bewusst geworden, dass ich sehr viele Alltagsrituale habe. Z. B. muss das Fertigmachen der Kinder morgens, samt in den Kindergarten bringen, immer nach einem bestimmten Schema ablaufen. Es gibt eine Reihenfolge, die ich automatisch einhalte, um nichts zu vergessen.

Lustig wird es dann, wenn diese Ordnung durch irgendeinen Zwischenfall unterbrochen wird. Z. B. irgendwer von uns drei muss nochmal aufs Klo, obwohl wir ja eigentlich schon Schuhe und Jacke anhaben. Das ist in dem Teil des Prozesses nicht vorgesehen. Das wirbelt dann erstmal alles durcheinander. Es gibt natürlich unzählig viele Anlässe, die meine Ordnung, den Prozess, unterbrechen und durcheinanderwerfen können. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich dann in Hektik ausbreche.
Der Nachteil eines Rituals ist die starke Unflexibilität. Was der optimierte Ablauf eigentlich an der Leistung bringen soll, schlägt ins Gegenteil um, wenn der Prozess durcheinandergewirbelt wird.

Aber warum brauche ich denn diese Rituale? Für meine enge Zeitplanung benötige ich immer gleiche Zeiten für wiederkehrende Abläufe. Nur so kann ich gewährleisten, dass ich pünktlich bin. Bei meinen eigenen Ritualen funktioniert das tadellos. In die kinderrelevanten Prozesse habe ich nach einigen kläglichen Malen des Versagens Zeitpuffer eingebaut, welche auch immer aufgebraucht werden. Morgens bedeutet das eine Stunde früher aufstehen.

Lästiges wird weg optimiert

Ich muss meine Zeit gut einteilen. Deswegen möchte ich so wenig wie möglich davon verplempern. Ich empfinde Warte- oder Fahrzeiten als eine Riesenverschwendung meiner kostbaren Zeit. Deswegen kenne ich meine Wege und die Zeiten zum Ziel. Ich fahre immer so los, dass ich kurz vor Termin da bin. Zu früh ist ja auch Verschwendung der Zeit durch warten im Auto. Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, wenn jemand zu spät kommt, weil er die Fahrtzeit falsch eingeschätzt hat. Stau oder ähnliches kann ich nachvollziehen, obwohl die Echtzeitstauanzeige bei Maps auch diesem „Problem“ Herr wird. Wenn man die Strecke überhaupt nicht kennt gibt einem Google einen sehr guten Anhaltspunkt wie lange die Reise dauert. Dazu einen kleinen Puffer für unvorhergesehenes und schon läuft die Sache.

Ich muss mich an meinen bereits verstorbenen Nachbarn erinnern. Der hat die Reise an sich immer zelebriert und Fahrten über die Autobahn kategorisch abgelehnt. Er hat es immer auf den Hund geschoben, dass er es nicht vertrage so schnell zu fahren. Es lag aber eher daran, dass es ihm Spass gemacht hat auf den alten Bundesstrassen, die noch durch die Dörfer gingen, mit 60 hinter Lastern her zu tuckern und dabei die Landschaft zu genießen. Wieder war der Hund schuld, dass man alle halbe Stunde eine Pause machen musste, um ein bisschen die Umgebung zu erforschen oder in einer alten familiengeführten Dorfwirtschaft einzukehren. Er kannte in jedem Dorf die beste Spezialitäten. Zumindest in der Oberpfalz, Ober- und Niederbayern. Ich fand es als Kind immer schrecklich, wenn man für eine zweistündige Fahrt den ganzen Tag brauchte. Eigentlich mag ich das immer noch nicht. Vielleicht sollte ich mich mal dazu zwingen.

Im Alltag sehe ich natürlich auch Prozesse, besser gesagt nicht vorhandene oder kaputte Prozesse, bei anderen. Sei es im Supermarkt die tägliche Bestellung des jungen Chefs mit Zettel und Stift auf dem Clipboard zusammen mit der Angestellten. Ich dachte wir leben im Zeitalter der Digitalisierung, Tablets, Apps und Barcodescannern. Was mich aber am meisten stört sind fehlende Kommunikationsprozesse. Wenn ich den selben Kindergartenerfassungsbogen einmal von der Gemeinde und in der selben Woche dann nochmals vom Kinderhaus bekomme. Ich könnt ausflippen, wenn ich merke, dass der eine nicht weiß, was der andere macht. Wie viel Zeit durch Doppelung verballert wird, in der man etwas anderes produktiv abarbeiten hätte können. Meist hapert es doch an der Kommunikation in Zusammenhang mit der nötigen Selbstreflektion.

Ich kann nicht nachvollziehen wie man so vor sich hin wurschteln kann ohne zu versuchen nötige lästige Abläufe zu verbessern und dann mehr Zeit für sich und schönere und wichtigere Sachen zu haben. Bei mir wäre das Familie, Malen, Schreiben, Basketball spielen, Faulenzen, Feiern und mit Freunden treffen. Ein Haufen Zeug für das ich viel Zeit brauche.

Fotos mit dem Händy ohne Filter von mir an einem Februarvormittag bei tiefstehender Sonne.

Links:

Hôtel des Artistes (Veranstalter der Pecha Kucha Night Regensburg)

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